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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:gbv:9-002864-0
URL: http://ub-ed.ub.uni-greifswald.de/opus/volltexte/2017/2864/
Kaiser, Benjamin

Über Grenzen und Möglichkeiten einer sozialen Logik des Raumes. Zur wissenschaftstheoretischen Rechtfertigung von „Space Syntax“

pdf-Format:
diss_Kaiser_Benjamin.pdf (3,887 KB)

Kurzfassung in Deutsch

Der Ansatz von „Space Syntax“ - einem nunmehr etablierten Werkzeug weltweiter Analyse- und Planungspraxis - geht in seinen Theorien und Methoden von der Annahme aus, dass durch Architektur definierte räumliche Anordnungen als Produkte gemeinschaftlichen Handelns aufzufassen und insofern sowohl Bedingung als auch Ausdruck sozioökonomischer Verhältnisse seien. Die Strukturen räumlicher Anordnungen als Modell analytisch zu fassen und als Ausdruck sozioökonomischer Verhältnisse zu beschreiben, ist der Anspruch dieses metatheoretischen Ansatzes, der Architektur, Soziologie und Anthropologie zusammenführt. Obgleich die Grundlagen in den 70er Jahren am University College in London entwickelt und 1984 von Bill Hillier und Julienne Hanson in dem Werk »The social logic of space« zur Diskussion gestellt wurden, beschränkt sich die bisherige Kritik zumeist auf anwendungsbezogene Aspekte. Der Fokus der vorliegenden kritischen Studie konzentriert sich auf die theoretischen Grundlagen von „Space Syntax“ im Allgemeinen. Sie untersucht sowohl die Analysemethoden des Ansatzes als auch die daran gebundene Konzeption der Wechselwirkungen zwischen Raum und Gesellschaft. So ergibt sich eine Bestandsaufnahme, die die Grenzen und Möglichkeiten einer sozialen Logik des Raumes wissenschaftstheoretisch auslotet. Da die Wechselwirkungen zwischen Raumauffassung und Gesellschaftsverständnis von vornherein durch die Methoden der Analysen selbst determiniert sind, werden zunächst die soziologischen und anthropologischen Implikationen der Analysemethoden identifiziert, um nachfolgend zu erörtern, inwieweit sie in den entsprechenden theoretischen Grundlegungen von „Space Syntax“ kohärent berücksichtigt werden. Es zeigt sich, dass die Analysemethoden auf zwei verschiedenen, indes nicht hinreichend distinkt verwendeten Raumauffassungen beruhen und einen eingeschränkten Architekturbegriff bedingen. Zudem erweisen sich die Abstraktionsregeln des Übergangs vom „erlebten“ Raum zum „mathematischen“ Raum insbesondere bei externen räumlichen Konfigurationen als unzureichend. Die Ergebnisse bezüglich der Wechselwirkungen zwischen Raum und Gesellschaft deuten insgesamt darauf hin, dass die theoretischen Bezugnahmen nicht hinreichen, um eine allgemeine soziale Logik des Raumes zu rechtfertigen. Insbesondere die unzulässige räumliche Interpretation der Durkheim’schen Unterscheidung zwischen mechanischer und organischer Solidarität sowie die Tatsache, dass die Deutung der Ergebnisse keinem allgemeinen normativen Horizont im Sinne einer klar identifizierbaren Konzeption von Gesellschaft unterliegt, dieser vielmehr von den jeweiligen Untersuchungsgegenständen und Agenten abhängt, verweist auf eine grundlegende methodisch-strukturelle Problemlage. Um dieser zu begegnen, wäre es möglich, zunächst den Anspruch der universellen Anwendbarkeit aufzugeben und sich auf ausgesuchte Anwendungsbereiche zu beschränken, die den soziologischen und anthropologischen Implikationen weitestgehend entsprechen, und des Weiteren die theoretischen Grundlagen so zu erweitern, dass sich die speziellen Situationen der Untersuchungsgegenstände hinsichtlich konkreter Wechselwirkungen zwischen Raum und Gesellschaft adäquat berücksichtigen lassen.

Kurzfassung in Englisch

The approach of “space syntax” - a well-established tool for spatial analysis and planning practice - assumes in its theories and methods that spatial arrangements defined by architecture should be considered as products of public activity. The built environment is thus meant to condition and to articulate socio-economic relations. It is this claim of the metatheoretical approach at issue that makes it draw on architecture, sociology and anthropology in order to account for the structures of spatial arrangements. Accordingly, it offers a bundle of analytic models of their spatial order and describes them as articulations of socio-economic relations. Although the foundations of this approach were developed at University College London in the 1970s, and discussed in »The social logic of space« published 1984 by Bill Hillier and Julienne Hanson its critical reception since then has limited itself to aspects of its applicability. The present study in contrast focuses on the theoretical basics of “space syntax”. It examines its analytical methods together with its underlying conception of interdependencies between spatial order and social dynamics. It results in a survey of “space syntax” identifying and discussing limitations and possibilities of a social logic of space from an epistemological point of view. In “space syntax” the spatial conception and understanding of society are at least partially intrinsic to its methods of spatial analysis. Hence, their sociological and anthropological implications are identified in order to assess to what extent they are coherent with the theoretical presentation of “space syntax”. Apparently, its analytical methods are based on two different accounts of space that are applied without distinguishing them appropriately. In the sequel, it turns out to be inevitable to limit the varieties of architectural environment to which “space syntax” pertains. Moreover, the abstraction rules for the transition from “experienced” space to “mathematical” space, especially as regards external spatial configurations, turn out to be designed inadequately. On the whole, the results regarding interactions between space and society suggest that the theoretical presuppositions of “space syntax” do not suffice to justify a social logic of space in general. Especially, an inadmissible spatial interpretation of Durkheim’s distinction between mechanical and organic solidarity and the fact that this move is not associated with a clearly identifiable conception of society results in basic methodological and conceptual problems. Accordingly, “space syntax” could in the first instance refrain from its claim of universal applicability and restrict itself to selected areas of application accounting for the sociological and anthropological implications of its methods. Furthermore, it could elaborate its theoretical foundations such that the role of those investigating built environments is acknowledged as an intrinsic aspect of the relevant interdependencies between space and society.

SWD-Schlagwörter: Stadtplanung , Raumordnung , Architekturtheorie , Wissenschaftstheorie , Soziologie , Anthropologie
Freie Schlagwörter (englisch): Spatial Analysis , Space Syntax
Fakultät: Philosophische Fakultät
Institut: Institut für Philosophie
DDC-Sachgruppe: Philosophie
Dokumentart: Dissertation
Betreuer: Astroh, Michael (Prof. Dr.) / Christ, Wolfgang (Prof.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 11.05.2017
Erstellungsjahr: 2016
Publikationsdatum: 07.09.2017

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